Das Hansaviertel in den 20er Jahren oder Wie Elly lebte

Liebe Leser,

bei meinen Gesprächen mit Tatjana Ruge lernte ich unter anderem einiges über das damalige Hansaviertel, Ellis letztem Wohnort.  Das heutige bürgerliche Viertel ist mit dem damaligen nicht zu vergleichen.  Um 1920 standen hier herrschaftliche Häuser mit 5-7 Zimmer Wohnungen, in denen man großzügig wohnte.  Da Elly im Adressbuch eingetragen war, war sie nicht nur Untermieter sondern die tatsächliche Hauptmieterin, was meine Vermutung auf einen affluenten Hintergrund weiterhin bestätigt.  Außerdem scheint es auch kein Zufall zu sein, dass Sie sich genau diese Gegend als Wohnort aussuchte.  Vor einigen Wochen schrieb ich über den Maler Lovis Corinth, der ein paar Häuser neben Elly wohnte (und dessen Kunst im dritten Reich sehr kritisch betrachtet wurde).  Es wohnten eine ganze Reihe von Künstlern in der Klopstockstraße–gleich und gleich gesellt sich gern.

Ende 1941–dem Zeitraum von Ellys Deportation–wollte sich die SS repräsentativ in Berlin niederlassen und benötigte entsprechende Unterkünfte.  Man überlegte zuerst, neue zu bauen, da ein Mangel an Wohnung herrschte.  Doch dann kam man auf die Idee, die Bauten in der Klopstockstraße zu nutzen, da diese den großspurigen Vorstellungen entsprachen.  Und so mussten Menschen wie Elly weichen.  Einen guten Eindruck des Hause gibt ein Bild der Cuxhavener Straße auf Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Hansaviertel).

Die Häuser in der Klopstockstraße wurden später zerstört und/oder abgerissen, um danach die heutigen Mehrfamilienhäuser zu bauen.  Ich muss gestehen, dass ich bei meinem ersten Besuch der Klopstockstraße verwirrt war: hier soll Elly gelebt haben?  Doch nach einer Reise in die 20er Jahre verstehe ich es.  Hier lebten Hans Baluschek, Peter Franck, Carl Hamel und Else Lasker-Schüler, um nur ein paar zu nennen.  Es lohnt sich, hier tiefer einzutauchen.

Eure Juliane

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Klopstockstraße heute und damals

Liebe Leser,

letzte Woche wollte ich mir Ellys altes Haus im Hansaviertel ansehen und Fotos dazu machen. Sie wohnte zuletzt in der Klopstockstraße 53.   Unser guter Freund google zeigte mir den Standort auch auf der Karte an.  Als ich jedoch vor Ort war, fand ich keine Hausnummer, die höher als 31 war.  Irgendetwas stimmte nicht.  Als ich an einer Berliner Gedenktafel vorbei kam, verstand ich, was passiert ist.

Lovis Corinth Gedenktafel

Das Haus, in dem Elly Frank wohnte, steht nicht mehr. Die Klopstockstraße wurde gekürzt und umnummeriert.  Das Haus stand ungefähr an der Stelle, wo heute die Häuser 7-9-11 stehen.

Kommen wir aber kurz zu Lovis Corinth: er war ein deutscher Maler und gehörte zu den wichtigsten Impressionisten Deutschlands.  Er zog 1901 in die Klopstockstraße 48 und eröffnete dort ein Atelier und eine private „Malschule für Weiber“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_Berend-Corinth).   Ein paar Fotos zeigen sehr gut, wie die Schule nebst Schülerinnen aussah: http://publishing.cdlib.org/ucpressebooks/view?docId=ft1t1nb1gf&chunk.id=d0e3319&toc.depth=1&toc.id=&brand=ucpress

Corinth heiratete später eine seiner Schülerinnen Charlotte Berend, die Jüdin war. Lovis Corinth starb im Jahr 1926.  1927 eröffnete Charlotte Berend-Corinth, die selbst Künstlerin war und 3 Jahre jünger als Elly ist, wieder eine Malschule in der gleichen Adresse.  In den 30er Jahren reiste sie durch ganz Europa und Teile Nordafrikas.  1939 siedelte sie dann nach New York um und entkam so dem Nationalsozialismus.

Während Corinth und seine Frau viel erfolg- und einflussreicher als Elly in der Kunstszene auftraten, frage ich mich, ob Elly mit Ihnen in Kontakt war.  Ich bin mir nicht sicher, wann Elly in die Klopstockstraße gezogen ist.  Wenn es vor 1939 war, waren sie und Charlotte Berend-Corinth Nachbarinnen.  Der Wohnort war meiner Einschätzung nach kein Zufall.  Wo ein Künstler wohnt, lebt auch gerne der nächste.

Anfang nächsten Monats werde ich noch mehr über die Klopstpckstraße in der Vorkriegszeit erfahren.  Ich treffe mich mit Tatjana Ruge, die Elly Frank zuerst gefunden und die Stolpersteininitiative auf sie aufmerksam gemacht hat.  Frau Ruge lebt selbst in der Klopstockstraße und besitzt alte Karten, auf der die ehemaligen Häuser verzeichnet sind.  Immer mehr Puzzleteile, die langsam ein Bild ergeben.

Eure Juliane