Entschädigungsbehörde für Opfer des Nationalsozialismus & Bundeszentralkartei

Liebe Leser,

auf meinen Recherchen schreibe ich immer wieder neue Ämter an, um eventuelle neue Dokumente zu Elly zu finden.  Seit meinem letzten Besuch in der Akademie der Künste, wo ich auch im Nachgang keine Informationen zu Elly gefunden habe, habe ich nun das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO), Abteilung Entschädigungsbehörde für Opfer des Nationalsozialismus angeschrieben. Natürlich wollte ich hier wissen, ob es Verweise gibt, dass jemand für Elly einen Antrag gestellt hat.  Leider nicht.  Wäre dem so gewesen, stünden Renten- und Krankenversorgungsleistungen an.  Für alle, die sich hier in Berlin informieren wollen, schaut unter: http://www.berlin.de/labo/entschaedigungsbehoerde/dienstleistungen/ Jedes westliche Bundesland hat sein eigenes Amt.

Meine Sachbearbeiterin empfahl mir, mich auch noch mal bei der Bundeszentralkartei zu erkundigen.  Dorthin habe ich heute einen Brief aufgesetzt.  Hier ist Adresse: Bezierksregierung Düsseldorf, Abt. Wiedergutmachung, Postfach 30 08 65, 40408 Düsseldorf.  Vielleicht finde ich hier etwas.

Mehr verspreche ich mir von meiner Anfrage bei der Bundeszentralkartei.  Ich weiß, dass es einen Antrag Ellys bei einer damaligen Volkszählung gab–daher wissen wir auch, dass sie „Malerin / Zeichnerin“ eingetragen war.  Dies hätte ich gerne schwarz auf weiß.  Für alle, die weiterforschen wollen: http://www.bundesarchiv.de/benutzung/zeitbezug/nationalsozialismus/index.html.de

Ich warte auf Post.  Eure Juliane

Berlin mit Kunstseide und Irmgard Keun

Das kunstseidene Mädchen, Irmgard Keun

Das kunstseidene Mädchen, Irmgard Keun

Lieber Leser,

ich bin nach meinen Winterferien wieder am Schreibtisch.  Während meiner literarischen Abwesenheit habe ich Ellys Spuren in Berlin verfolgt.  Wer waren ihre Nachbarn und wo hat sie sich zu welchen Zeiten aufgehalten?  Ich habe schon Nachbarn gefunden (dazu später mehr). Dabei stieß ich unausweichlich auf die Frage, wie das Leben in Berlin in den 20er und 30er Jahren war. Denn wenn ich mehr von dem damaligen Berlin verstehe, sehe ich auch Elly deutlicher.  Bevor ich historische Ereignisse oder Eindrücke aufzähle, möchte ich zuerst ein Buch erwähnen, das diese Zeit sehr gut erfasst: Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun.  Wenn man hier eintaucht, kann man sich sehr gut vorstellen, in welchem Umfeld Ellys in ihrer Schaffenszeit gelebt hat.  Und wie wir heute auch wissen: jeder sucht sich die Stadt aus, in die er am besten passt.

Ich habe Das kunstseidene Mädchen im Juni 2010 gelesen (ich schreibe immer das Datum auf die letzte Seite eines jeden gelesenen Buches).  Hier der Klappentext: „Doris ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt.  Sie nicht mehr tagaus, tagein lange Briefe tippen, sondern ein Star werden.  Sie will in die große Welt, ins Berlin der Roaring Twenties…“  Im Buch zieht Doris durch Berlin, feiert, lässt sich von reichen, älteren Männern einladen.  Zu jeder Zeit gibt es irgendwo eine Party.  Dieses Berlin fühlte sich damals (fast) genau so wie das Berlin von heute an.  Bei vielen Passagen, die in Bars oder Clubs stattfinden, konnte ich eine Bar von heute vor mir sehen.  Ich werde hier nicht viel der Geschichte verraten.  Man lernt die Hauptstadt noch mal ganz neu (und dann doch nicht?) kennen.  Als Berliner gehört das Buch in jede Wohnung–und als Freund von Elly Frank jetzt auch.

Ich stelle mir also vor, dass Elly sich vom ewigen Freiheitsgefühl dieser Stadt angezogen fühlte. Das muss ein Teil ihrer Lebensgeschichte sein.  Und da ich bei dieser Recherche auch etwas Fantasie mitbringe, stelle ich mir vor, dass ihre Geschichte auch ein Weg der Boheme und der Rebellion war.  Wahrscheinlich hat ihr familiäres Umfeld nicht unterstützt, dass sie gemalt hat.  Sie war laut Akten nicht verheiratet.  Sicherlich wollte ihre Familie die jüdischen Traditionen und Wurzeln ehren und sie mit jemandem aus dem Umfeld verheiraten.  Vielleicht wollte sie auch nicht auf die traditionelle Weise Kunst schaffen und sich lieber von der Avantgarde in Berlin beeinflussen lassen.  Das macht sie umso sympathischer.

Beim nächsten Artikel werde ich euch verraten, was ich über Ellys Nachbarschaft in der Klopstockstraße erfahren habe.  Ich werde euch außerdem von meine kommende Reise nach Polen berichten.

Einen schönen Abend, Eure Juliane

Übersetzung meiner Elly Frank Postkarte

Lieber Leser,

ich möchte euch die Übersetzung des Sütterlintextes auf der Postkarte, die ich vor kurzem erstanden habe, nicht vorenthalten.  Susanne Besch von Pfefferwerk hat sich als Übersetzerin ans Werk gemacht.  Es handelt sich um eine Nachricht aus dem ersten Weltkrieg.  Sie ist vor 99 Jahren geschrieben worden und macht das Leben in Deutschland im Jahr 1915 eindeutig spürbar.

Eure Juliane

 

Feldpost

Landsturm

Eduard Heinrich.

Inf. Reg. 93.4. Armeekorps.

  1. Inf. Division 3. Batt
  2. Kanpagnie

Berlin den 21.10.15.

Lieber Vater!

Ich teile dir mit das wir noch gesund und munter sind

und hoffen von dir des gleichem. Lieber Vater warum schreibst

du denn nicht ist dir etwas zugestoßen oder hast du keine

Zeit zum schreiben? Wir warten schon alle Tage

auf deinem Brief oder Karte aber wir bekommen

nichts all unser warten ist vergebens. Lieber

Vater deine Kameraden Wischer und Heuck schrei-

ben öfter schreibe du doch auch einmal an uns.

Lieber Vater schreibe uns doch mit was du

brauchst wir würden dir gerne was schicken.

Onkel Johann hat auch geschrieben er ist noch

gesund und munter das hoffen wir auch von dir.

Es grüßt dich Mutter und Kinder.

Abs.   Elisabeth Heinrich

Berlin O 112

Mirbachstr. 47 (heute Bänschstraße, Friedrichshain.  Siehe http://www.luise-berlin.de/strassen/bez05h/m486.htm)