Susanne Besch & Eine Zeitreise beim Zuhören

Liebe Leser,

letzte Woche habe ich mich endlich mit einer Mitarbeiterin des Nachbarschaftshauses Pfefferwerk getroffen, um mich in Sachen Recherche weiterzubilden und auszutauschen.  Ihr erinnert euch: ich berichtete in meinem vorletzten Beitrag von Susanne Besch, die nicht nur die Stolpersteine des ehemaligen jüdischen Kinderheimes in der Fehrbelliner Straße pflegt, sondern auch Kontakt zu Angehörigen damaliger Bewohner.  Das war mir bis jetzt das liebste Erlebnis meiner Recherchen, weil es mir das Zuhören und Nachdenken wieder nahe brachte.  Ich hatte übrigens vergessen, wie wertvoll die Übertragung von Wissen von Mensch zu Mensch ist (sicherlich rührt dies aus meiner rebellischen Haltung zum traditionellen Schulunterricht.  Es ist wirklich Zeit, den Trotz in der Vergangenheit zu lassen und das Wissen so anzunehmen, wie es sich mir präsentiert).

Das Gespräches konzentrierte sich nicht nur auf Elly Frank per se, sondern vor allen Dingen auf die damalige Welt um 1920-1945.  Es klingt vielleicht naiv, diese Grundzüge des täglichen Lebens aufzulisten, doch ich finde, dass die Sicht auf die alltäglichen Dinge deutlicher auf mich wirkt als Texte aus einem Geschichtsbuch meiner Schulzeit.  So erfuhr ich, dass man damals z.B. den Arbeitsort nicht wirklich vom privaten Haus getrennt hielt.  Soll also heißen, dass ein Schneider seine Arbeiten bei sich zu Hause in einem designierten Zimmer erledigte.  Das Haus blieb also nur privat, wenn man ein sehr großes Unternehmen wie z.B. eine Fabrik betrieb.  Für Elly überträgt sich diese Erkenntnis, dass auch sie sehr wahrscheinlich zu Hause gemalt und sich damit ihren Lebensunterhalt verdient hat.  Es wäre interessant zu erfahren, ob dies ein „von-der-Hand-in-den-Mund“ Leben bedeutete oder ob die Auftragslage zu einigen Zeiten ein gesichertes Einkommen garantierte.  Ein weiterer roter Faden durch mein Labyrinth.

Am markantesten zeigt sich das Leben durch das soziale Geflecht.  Wie lebte man damals? Wo traf man sich?  Welche Kunstschulen hat Elly mit anderen Künstlern verbunden und mit welchen stand sie durch ihre Arbeit in Kontakt?  Gab es vergleichbare Maler, die Aufschluss über Ellys Leben geben?  Mir kam hierzu Mascha Kaléko in den Sinn, die sich gerne im Romanische Café in Charlottenburg aufgehalten hat.  Dort traf man kurz nach dem ersten Weltkrieg vor allen Dingen auf Intellektuelle wie z.B. Else Lasker-Schüler, Erich Kästner, Joseph Roth und Kurt Tucholsky.  Man befruchtete sich hier gegenseitig mit Wissen und kreativen Einflüssen.  Das Gleiche, nur kleiner, kann ich mir auch für Elly und weitere Künstler vorstellen.

Ich lernte etwas zu Ellys Karteikarte, die ich vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv erhalten habe.  Ich füge sie noch mal in diesen Beitrag ein, um meine Beschreibungen, die gleich folgen, vergleichen zu können.  Man sieht, dass Elly mit Vornamen als „Elly Sara“ gelistet ist (wobei „Sara“ mit Bleistift durchgestrichen ist).  „Sara“ ist aber nicht einer von Ellys Vornamen. Jede Jüdin war damals ab 1938 gezwungen, „Sara“ als zweiten Vornamen in ihrem Ausweis zu tragen, um zu kennzeichnen, dass sie Jüdin war.  Für Männer galt dies mit dem zweiten Vornamen „Israel“.  Das ist eine solch absurde Schikane.  „Empört Euch!“.  „Empört Euch!“ war der Satz, der im Protest als erstes kam.  Auch wenn dies der Titel eines 2010 Essays von Stepháne Hessel (dessen Vater übrigens in Berlin geboren wurde) ist, und die heutige politische und wirtschaftliche Entwicklung kritisiert, finde ich den Ausruf nur allzu passend. Diese Namenspflicht war wie der Judenstern ein Schritt auf dem Weg zu Enteignung.  Es machte mich besonders wütend, weil ich eine Karteikarte einer Frau in der Hand hielt, die mir jeden Tag immer mehr bedeutet. (Zur Namensenteignung seht auch http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article119096385/Sara-und-Israel-waren-die-ersten-Judensterne.html).

Mein Suchen und Finden kehrt also wieder zurück zu den Wurzeln, die sich nicht im Internet befinden: Ellys Geburtsurkunden aus dem heutigen Polen, die den Auftakt zur Ahnenforschung geben.  Ich werde diese auf englisch beantragen.  Dann kann ich vielleicht Linien zu Ahnen und Wege nach Berlin finden.   Außerdem hat (fast) jeder eine Akte beim Brandenburgischen Landeshauptarchiv.  Auch diese habe ich beantragt und werde berichten.

Ich möchte Frau Besch herzlich für Ihre Zeit und Worte danken.  Ihr Erzähltalent und Kenntnis hat mir neue Wege eröffnet…vielleicht sogar soweit, um Sütterlin zu lernen, so dass ich die beschriebene Postkarte übersetzen kann, die ich neulich gekauft habe.  Heute gab es für Dich, lieben Leser, viel Wissen, viel Inspiration.  Weg vom Computer, rein in Geschichte und Erzählungen.

Eure Juliane

 

 

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