„Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon

Lieber Leser,

wie versprochen kommt heute mein erster Beitrag zu den verschiedenen Büchern, die ich auf meinem Weg zu Elly Frank lese. Ich suche nach Stimmen von Untergetauchten und/oder Unterdrückten, um eine Landschaft zu bauen, in der ich die Alltäglichkeiten des damaligen Lebens verstehe. Verschiedene Altersgruppen werden mir hier ihre Welt zeigen, und ich füge sie Ellys Mosaik hinzu.  Bei allen Rezensionen gehe hier nicht klassisch auf Inhalt und Qualität ein, sondern hebe hervor, inwieweit mir das Buch das damalige Leben vermittelt und mich weitergebildet hat.

Ich begann mit  „Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon (http://www.fischerverlage.de/buch/untergetaucht/9783104028972).  Das Buch schenkt uns im Einband eine Karte Berlins, auf der man Marie von 1922 bis 1945 zu ihren neunzehn Wohnungen oder Verstecken folgen kann.  Das finde ich überaus bindend und zugleich spannend.  Marie lebt bis zu ihrem ersten Unterschlupf in Berlin Mitte.   Sie taucht unter, um im Gegensatz zu den meisten Bekannten, nicht in die Arbeitslager aufbrechen zu müssen.  Sie erkennt darin ihren sicheren Tod.  Interessant ist ihre Erzählung zu Freunden und Bekannten, die einer Art Gehirnwäsche unterliegen, welche sie dazu bringt, ihre Sachen zu packen und an dem Tag ihrer Abholung mit in die Arbeitslager zu gehen.   Mit unserem heutigen Wissen von Konzentrationslagern können wir dieses Fügen nicht nachvollziehen.  Doch ich erinnerte mich an die Erzählungen Werner Babs, dass viele Menschen wie auf einer Reise ihren Schmuck und wertvolle Kleidung mitnahmen, die ihnen dann gleich bei der Ankunft im Konzentrationslager abgenommen wurde.

Der Tenor des Buches ist ehrlich und stark, und hebt dadurch natürlich Marie Jalowicz in einer Art intellektuellem Trotz von allen anderen Figuren hervor.  Genau so soll ein Buch sein und genau so empfehle ich es gerne weiter.  Was brachte es mir also auf meinem Weg zu Elly Frank bei?  Ich lernte die Fasern der Stadt kennen: Bewohner, Bezirke, Gesinnungen, Zerfall und Hoffnung.  Und wie die damaligen Gesetze das Zusammenleben veränderte: es gab die, die ein Zusammen sahen.  Andere trennten radikal.  Und irgendwie spüre ich, dass Berlin sich in seinen grundlegenden Sozialzügen nicht stark vom heutigen Berlin unterscheidet.  Natürlich haben die Wende und die Zeit einiges verändert und hervorgebracht.  Doch wie es sich wo leben ließ, erscheint mir ähnlich.  (Wer hier noch einen passenden Vergleich von damaligen und heutigen Berlin haben möchte, kann gerne „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun lesen.  Sehr empfehlenswert).

„Untergetaucht“  im Fischer Verlag,  kostet 19,99€.  Ich empfehle jedem Ordnungsliebhaber, das wunderschöne Cover beim Lesen zu entfernen, um Knicke und Risse vorzubeugen.  Wie ihr auf dem Foto sehen könnt, hat mein Exemplar jetzt liebevolle Schäden.  Doch ich mag diesen Charme der eigenen Bücher.  Bis zum nächsten Mal.  Das Lesen geht weiter.

Eure Juliane

P.S. Marie Jalowicz Simons Sohn Hermann ist Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum.  Interessierte können u.a. das Museum besuchen und sich weiter informieren (http://www.centrumjudaicum.de/).

 

 

 

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